Clean Label & Kennzeichnung

Gesundheitsclaims auf Verpackungen: Was die neue Studie beim Einkauf lehrt

Eine Analyse von 145609 US-Produkten zeigt: Aussagen wie „weniger Salz“ oder „natürlich“ beschreiben nur Teilaspekte. Für den Einkauf zählt das gesamte Nährwertprofil.

Teilen
Symbolbild: Neutrale Lebensmittelpackungen mit schematischen Nährwertfeldern neben Hafer, Obst und Brot.
Symbolbild: Neutrale Lebensmittelpackungen mit schematischen Nährwertfeldern neben Hafer, Obst und Brot.

Kurz gesagt: Eine am 24. September 2026 in Nature Food veröffentlichte Analyse untersuchte 145609 neue verpackte Lebensmittel und Getränke, die von 2015 bis 2024 in den USA eingeführt wurden. Mehr als die Hälfte trug mindestens eine untersuchte Aussage auf der Verpackung, zugleich wurden rund zwei Drittel nach dem verwendeten britischen Nährwertmodell als weniger günstig eingestuft. Die Studie zeigt keinen Gesetzesbruch einzelner Produkte, sondern die Grenze isolierter Werbeaussagen.

Was das Forschungsteam verglichen hat

Das Team ordnete Aussagen in vier Gruppen: Minus für reduzierte Bestandteile wie Zucker oder Salz, Plus für hervorgehobene günstige Bestandteile, Functional für beworbene Funktionen und Natural für Herkunfts- oder Natürlichkeitsangaben. Anschließend verglich es Produkte mit und ohne solche Aussagen anhand des UK Nutrient Profiling Model 2004–2005. Dieses Modell bewertet Energie, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Natrium zusammen mit Ballaststoffen, Protein sowie Obst- und Gemüseanteilen.

Die wichtigste Erkenntnis

Aussagen auf der Vorderseite waren kein verlässliches Gesamturteil. Im Marktdurchschnitt schnitten Produkte mit Claims häufig günstiger ab, doch das Muster wechselte je nach Produktgruppe und Aussage. Bei Getränken traten Abweichungen besonders oft auf. Produkte mit Angaben zu wenig Natrium oder wenig gesättigten Fettsäuren wiesen in der Analyse teilweise mehr Gesamtzucker auf; Lebensmittel mit Transfett-Aussagen enthielten teils mehr gesättigte Fettsäuren.

Warum „natürlich“ eine andere Frage beantwortet

Begriffe wie natürlich, Bio, gentechnikfrei oder Vollkorn können Produktionsweise, Herkunft oder eine bestimmte Zutat beschreiben. Sie fassen jedoch nicht automatisch Zucker, Salz, Fett, Energie und Portionsgröße zusammen. Die Forschenden sprechen vom Halo-Effekt: Eine positiv wahrgenommene Eigenschaft färbt auf die Gesamtbewertung ab. Das heißt nicht, dass jede solche Aussage falsch ist. Es heißt, dass sie nicht mehr verspricht, als ihr konkreter Inhalt belegt.

Was die Studie nicht beweist

Untersucht wurden neu eingeführte US-Produkte aus einer kommerziellen Datenbank, keine vollständige Abbildung des deutschen Sortiments. Die Analyse ist beschreibend und beobachtete weder reale Einkäufe noch langfristige Gesundheitsergebnisse. Das britische Modell ist ein transparenter Vergleichsmaßstab, aber nicht die US-Regel für sämtliche Claims. Aus dem Datensatz folgt daher weder, dass alle beworbenen Produkte ungünstig sind, noch dass ein einzelnes Produkt täuscht.

Vier Schritte am Regal

  • Aussage übersetzen: Prüfe genau, worauf sich „weniger“, „ohne“ oder „reich an“ bezieht und welche Bezugsgröße gilt.
  • Nährwerte zusammen lesen: Vergleiche ähnliche Produkte pro 100 Gramm oder Milliliter und beachte Zucker, Salz, gesättigte Fettsäuren, Ballaststoffe und Protein gemeinsam.
  • Zutatenliste prüfen: Die Reihenfolge zeigt Mengenanteile grob; Allergene und zugesetzte Zutaten beantworten andere Fragen als die Vorderseite.
  • Verwendung einordnen: Portion, Häufigkeit und restliche Mahlzeit sind wichtiger als ein einzelnes positiv klingendes Wort.

Clean Label nüchtern betrachten

Eine kurze Zutatenliste kann verständlich sein, ist aber kein vollständiger Nährwerttest. Umgekehrt können zugesetzte Vitamine, Mineralstoffe oder technisch notwendige Zutaten eine Liste verlängern, ohne das Produkt automatisch schlechter zu machen. Für Kochideen mit überschaubaren Zutaten helfen unsere Seiten Rezepte nach Zutaten und Frühstück. Beim Fertigprodukt zählt dennoch die konkrete Deklaration.

Was in der EU zusätzlich gilt

In der Europäischen Union sind Nährwert- und Gesundheitsangaben rechtlich geregelt und dürfen nicht irreführen. Zugelassene gesundheitsbezogene Aussagen haben festgelegte Bedingungen. Die Pflichtkennzeichnung liefert daneben Zutaten, Allergene und eine Nährwerttabelle. Auch eine zulässige Einzelaussage ersetzt dieses Gesamtbild nicht: Sie kann sachlich korrekt sein und trotzdem nur einen kleinen Ausschnitt des Lebensmittels beschreiben.

Fazit: Vorderseite als Hinweis, Rückseite als Prüfung

Die neue Studie macht den praktischen Unterschied zwischen wahrer Teilaussage und umfassender Bewertung sichtbar. Ein Claim kann beim Vorsortieren helfen, sollte aber nicht allein entscheiden. Wer Produkte derselben Kategorie vergleicht, fährt besser mit Bezugsgröße, Nährwerttabelle, Zutatenliste, Portion und persönlichem Verwendungszweck. „Natürlich“ oder „weniger“ ist der Beginn einer Frage, nicht deren Antwort.

Quellen und Aktualisierung

Autor: Kochzauber Redaktion. Informations- und Aktualisierungsstand: 26. September 2026. Der Beitrag ordnet eine beschreibende US-Marktanalyse ein und bewertet keine einzelne Marke. Das Titelbild ist ein redaktionelles Symbolbild.

← Zurück zum Magazin